Anfänge des Tagebaus

Der Stoff, nach dem Berlin verlangte. Um die Residenzstadt aufzubauen, wurden Kanäle von der Spree bis in die Rüdersdorfer Kalksteinbrüche getrieben.

Von Klaus Stiegler, in: Brandenburger Blätter 2012.

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In Rüdersdorf lagern die größten Kalksteinvorkommen Norddeutschlands. Seit dem Mittelalter wird dieser Stein dort gebrochen. Es waren die askanischen Markgrafen Johann I. und Otto III., die im Jahre 1250 das Zisterzienserkloster Zinna bei Jüterborg mit ausgedehnten Ländereien in eben jener Gegend belehnten, damit sie besiedelt wird und dort Dörfer angelegt werden. Kagel, Rüdersdorf, Zinndorf und Herzfelde sind auf diese Weise entstanden.

 

Schenkt man einer alten märkischen Sage Glauben, dann waren es die Rüdersdorfer Bauern, die bei den Mönchen des Klosters Zinna Klage darüber führten, dass ihnen Pflügen auf der nördlichen Feldmark und in der „Bauernheide“ immer wieder ein Gestein Probleme bereitete, das dicht unter der Oberfläche lag. Es war Kalkstein, den man dort fand und der schon bald zu Bauzwecken gebrochen wurde. Bereits 1254 soll Rüdersdorfer Kalkstein in der Strausberger Klosterkirche verbaut worden sein. Die Nachrichten aus der Frühzeit der Rüdersdorfer Kalksteingewinnung sind jedoch so spärlich, dass über deren Umfang keine sicheren Aussagen gemacht werden können.

Als die Hussiten 1432 die östliche Mark verwüsteten und Dörfer und Städte in Schutt und Asche legten, wuchs die Nachfrage nach diesem Baustoff spürbar. Zinna selbst konnte diesen Bedarf bald nicht mehr decken und verpachtete deshalb einen Teil der Rüdersdorfer Brüche an umliegende Gemeinden. Im ausgehenden 15. Jahrhundert erwarben dann sogar Städte der Region Kalksteinbrüche. Zu den Kommunen, die sich dort Rechte sicherten, gehörten Berlin und Cölln. Nachdem der Zinnaer Klosterbesitz nach der Säkularisierung 1549 / 1553 an den Markgrafen Joachim II. gefallen war, geriet die sich rasant entwickelnde Doppelstadt an der Spree wegen ihres zunehmenden Bedarfes an Rüdersdorfer Kalkstein immer wieder in Interessenkonflikte mit den brandenburgischen Kurfürsten, die Hand auf den Rohstoff hielten.

Der Dreißigjährige Krieg brachte den Kalksteinabbau vollständig zum Erliegen. Das von seinen Bewohnern verlassene Rüdersdorf war niedergebrannt und verfallen. Nach diesen Verheerungen beförderte insbesondere der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm die Kalksteingewinnung, die in den folgenden Jahren einen spürbaren Aufschwung nahm. Die Zerstörungen durch den langen Krieg waren enorm. Überall bestand erheblicher Bedarf an Kalkstein aus Rüdersdorf, den Friedrich Wilhelm mit seiner Verordnung, Neubauten in Berlin nur noch massiv auszuführen, nach vergrößert hatte. 1664 ließ er am Kesselsee auf der Rüdersdorfer Gemarkung eine kurfürstliche Siedlung für Steinbrecher anlegen. Sie bestand anfänglich nur aus zehn Hausstellen und führte den Namen „Alter Kalckgrundt“. Sie wuchs in den folgenden Jahren kontinuierlich, und bald wurde im Tal des Tasdorfer Mühlenfließes mit dem Aufbau einer zweiten Siedlung begonnen.

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Die Menge des gebrochenen Kalksteins wuchs ständig und erreichte Größenordnungen, die die Verantwortlichen vor neue Probleme stellte. Wie sollte man derartige Massen transportieren? Eigentlich bot sich dafür nur der Wasserweg an. Man erweiterte zu diesem Zweck die Woltersdorfer Schleuse, verband den Kesselsee über den angelegten Kalkgraben mit dem Kalksee und führte die Wasserstraßen durch mehrere Tunnel direkt in die Kalksteinbrüche. Die Wasserstraßen wurden immer so nah wie möglich an die eigentlichen Brüche gebaut, um den Landtransport zu minimieren. Der gebrochene Kalkstein wurde aufgestapelt und anschließend auf Prahme verladen und durch die Tunnel, Kanäle und Seen nach Berlin, Fürstenwalde, Beeskow und sogar bis nach Stettin verfrachtet.

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Diese Art des Kalksteintransportes auf dem Wasserweg beobachteten auch die Vertreter des Generalstabes der preußischen Armee, die im Jahre 1868 die Rüdersdorfer Kalkbrennereien und Kalksteinbrüche besuchten. Sie hatten einen Offizier dabei, der sich mit dem neuen Metier der Fotografie schon gut auskannte und das Gesehene auf zahlreichen Fotos festhielt. Diese Bilder gehören mit Sicherheit zu den ältesten Industrieaufnahmen der Kalksteingewinnung und -verarbeitung. Man sieht, wie die Wasseradern in die Steinbrüche hineingetrieben wurden, wie großflächig und mit welchem technischen Aufwand der Stein gebrochen wurde. In Rüdersdorf gibt es inzwischen den größten geologischen Aufschluss in Norddeutschland, der beides ist: ein Museumspark und ein Kalksteinbruch.